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  • Namosh

    Der menschliche Körper ist eine hochkomplexe Angelegenheit - aber zumindest in einer Sache ziemlich leicht hinters Licht zu führen: Wenn er Angst hat, gibt es einen ganz einfachen Trick, diese Angst zu besiegen: Singt man, verschwindet sie, das kennt der ein oder andere vielleicht noch aus seiner Kindheit. Und auch, wenn man tanzt, ist sie plötzlich weg, denn der Körper ist kein besonders guter Multitasker. Beim Singen ist er voll und ganz mit der Stimmmodulation beschäftigt „Dann hat das Zwerchfell keine Chance, Luft innezuhalten. Wenn man sich bewegt, ist das ganz ähnlich“, erzählt Namosh. Ein schöner Gedanke. Und einer, der eine ganze Menge mit dieser Platte zu tun hat. Denn er beweist doch eines: Es mag nicht jeder ein Ray Charles oder ein James Brown sein. Aber jedem ist die Möglichkeit gegeben, mit dem Zusammenspiel von Musik und verschiedensten Muskeln in den Haushalt seines Körpers, in den Haushalt seiner Emotionen einzugreifen.

    „Music Muscle“ heißt das neue Album von Namosh, und es ist eine Platte, die vom Tanzen erzählt. Sie ist in der Vergangenheit verankert, in der von Namosh, aber vor allem in der der Tanzmusik an sich. Wer genau hinhört, mag das erkennen. Mag Funk und Disco und Breakdance wiederfinden, vielleicht auch die DFA-Klänge New Yorks oder den so coolen Berlin-Mitte-Sound, der Anfang des Jahrtausends auf Hauptstadtlabels wie Bungalow zelebriert wurde, wo auch Namosh 2006 sein Album „Moccatongue“ veröffentlichte. Aber, und das ist wichtig: In keiner Sekunde kopiert Namosh etwas, das bereits existiert. Eher benutzt er die Kllänge der Vergangenheit als Baufstoffe, manchmal auch nur als Impulse, um etwas völlig Neues zu generieren. So entsteht ein sehr eigener Sound, der einen als Hörer manchmal hinters Licht führt, weil er unvermittelt Pausen setzt und Haken schlägt, und weil Namosh ein ziemlich gutes Gespür dafür hat, einen Song zum Track werden zu lassen und umgekehrt. An anderer Stelle nimmt der Berliner, der in Bietigheim-Bissingen geboren wurde (genau, jener Ort, der auch die aktuellen HipHop-Chartstürmer Bausa, Rin und Shindy hervorbrachte) einen aber an der Hand, und dann entstehen Nummern, denen man sich nur sehr schwer entziehen kann. 

    Etwa die erste Single „Soul Survivor“: „Wenn mir jemand sagen würde: Du darfst einen deiner Songs behalten. Alle anderen werden verbrannt., dann würde ich auf jeden Fall ,Soul Survivor’ auswählen. Ich glaube, kein Song erklärt besser, warum ich Musik mache“, sagt Namosh. Und in der Tat handelt es sich bei dem Track um ein ziemliches Ausnahmestück: „Hear me knocking. Unlock your door“, singt Namosh, um anschließend nicht weniger als die Grundgeschichte der Disco zu erzählen. Dem „Coming home from work at night“ stellt er das Gegenmodell entgegen. Er setzt auf knapp sechseinhalb Minuten, vor allem aber auf einer wirklich unwiderstehlichen Bassline, dem Eskapismus der Nacht ein Denkmal. Die „Simplicity“, die er dem Hörer im Text verspricht, ist dabei natürlich eine süße Lüge, denn bei aller Eingängigkeit, simpel ist hier gar nichts: Man kann „Soul Survivor“ zwei Mal anhören, drei Mal, vier Mal: Immer wird man ein neues Gitarrenlick, einen neuen Synthie-Schnipsel, eine raffinierte Vokal-Extravaganz (dieser schöne Vocoder nach drei Minuten!) oder einen kleinen Gruß von Drums und Drum-Machine hören, der einem vorher noch nicht aufgefallen war.

    Diese Vielschichtigkeit lässt sich vielleicht am besten aus der Arbeitsweise von Namosh heraus erklären. Erste Ideen von „Music Muscle“ reichen bis in den Sommer 2010 zurück. „Ich arbeitete gerade eigentlich an einem anderen Projekt, bemerkte aber irgendwann: Die Tracks, die ich schrieb, gingen in eine sehr eigene Richtung. Sie erzählten von der Essenz der elektronischen Tanzmusik und hatten ihren Ursprung im Breakdance und im Freestyle. Das wollte ich endlich einmal in meinen eigenen Sound integrieren. Aber eben nicht als Revival-Ding, ich wollte das in den Sounds und Arrangements so erweitern, dass es zeitgemäß klingt. Dass es meine Version ist.“ In den Folgejahren saß Namosh immer wieder an Laptop und Drum Machine, schrieb bis zu 20 Versionen der verschiedenen Nummern. „Ich machte das für mich. Ich erzählte auch niemanden davon. Das war so eine Art Laborarbeit.“ Vor zwei Jahren schließlich konkretisierte sich das Projekt. Namosh gliederte das Material und ging ins Studio. Er spielte noch ein bisschen Klavier ein und rekrutierte für die Background-Vocals kurzerhand seine Schwestern. Einige befreundete Musiker kamen dazu – Daniel Raymond Gahn am Schlagzeug und Oliver Pfeiffer an der Gitarre – und spielten Spuren ein, die Namosh wiederum neu editierte. Da einen Drumwirbel verschob und hier einen Gitarrenakkord.

    Und dann ist da noch eine Sache, die Namosh ein Anliegen ist. Auch die Musik seiner Vorfahren hören wir auf der Platte. Die stammten aus Ostanatolien, einer Region, deren Klänge in Deutschland kaum bekannt sind, was aber wenig ausmacht: „Musik ist eins. Alle benutzen Instrumente, spielen Melodien, die sich ähneln“, sagt Namosh. Hört man Tracks wie „Skip To My Foot“ oder „Get The Gift“, bekommt man eine Idee davon, was er meint, wenn er erzählt, dass die Rhythmen aus dem Kurdischen ziemlich wild sein und die Basslines durchaus mit denen der Hauptstadtclubs mithalten können. 

    Sie passen hervorragend auf diese Platte, verleihen ihrem roten Faden zusätzliche Leuchtkraft, und das ist es doch, worum es bei einem Album geht: eine Geschichte zu erzählen. Spannung zu erzeugen, wie in einem guten Film. „Music Muscle“ ist ein Glücksfall von einem Album. Und jetzt tanzen Sie bitte!

    Music Muscle erscheint am 30.03.2018 als LP/CD/Digital auf Weltgast/Indigo.

    Photos by Melanie Magassa / Cover Artwork & Design by Miro Kaygalak - Artbeiter'

    English press release below.  

    Namosh

    Music Muscle (LP/CD/Digital) 30.03.2018

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    Namosh - Music Muscle 

    The human body is a highly complex affair – but it’s easy to deceive in at least one regard: when you’re scared, you can overcome your fear with a simple trick: you sing, it disappears. Some might remember that from their childhood. And when you dance, it vanishes too, because the body is not especially good at multitasking. When you sing, the body is fully occupied with voice modulation. "The diaphragm doesn't get a chance to stop breathing. When you move, it's very similar", explains Namosh. It’s a nice thought. And one that has a lot to do with this record. Because it proves one thing: Not everyone wants to be a Ray Charles or a James Brown. But, with the interplay of music and various muscles in the household of their body, everyone has the opportunity to intervene in the household of their emotions. 

    "Music Muscle" is the name of Namosh's new album, and it's a record that tells a story about dancing. It’s anchored in the past, not just in Namosh's, but also in dance music itself. Whoever listens closely might recognise that. They’ll hear funk and disco and breakdancing, perhaps even the DFA sound of New York or the cool Berlin-Mitte sound that was so celebrated at the beginning of the millennium on capital-city-labels such as Bungalow, where Namosh, too, released his album "Moccatongue" in 2006. But, and this is important: there isn’t a single second where Namosh copies something that already exists. Instead, he uses the sounds of the past as building materials, sometimes just as an impulse to generate something completely new. The result is a very distinct sound that sometimes catches the listener out, as he suddenly introduces pauses and strikes hooks, and because Namosh has a pretty good feeling for making a song into a track, and vice-versa. Elsewhere, the Berliner, born in Bietigheim-Bissingen (exactly, the place that also spawned current hip-hop chart-toppers Bausa, Rin, and Shindy), takes you by the hand as things begin to emerge that you can’t break yourself away from. 

    For example, the first single "Soul Survivor": "If someone were to say to me: You can keep one of your songs. All the rest will be burned, I’d definitely choose “Soul Survivor”. I don't think there are any songs that better explain why I make music", says Namosh. And, in fact, the track is about something quite exceptional: "Hear me knocking. Unlock your door", sings Namosh, in order to narrate (no less than) the origins of disco – as opposed to "coming home from work at night". At almost six and a half minutes, to a truly irresistible bassline, he creates a monument to the escapism of the night. The "Simplicity" that he promises the listener in the lyrics is, of course, a sweet lie, because even with all its catchiness, simplicity is not present here: You can listen to "Soul Survivor" twice, three times, four times: and you will always hear a new guitar lick, a new synth snippet, a subtle vocal extravaganza (the beautiful vocoder after three minutes!) or a small greeting from the drums and drum machine that you hadn’t noticed before. 

    This complexity might best be explained by Namosh's way of working. The first ideas from "Music Muscle" go back to the summer of 2010. "I was working on another project, but I noticed at some point that the tracks I was writing were going in a very different direction. They spoke of the essence of electronic dance music and had their roots in breakdancing and freestyle. I finally wanted to integrate that into my own sound. But not as a revival thing, I wanted to expand on the sounds and arrangements so that it sounded contemporary – and became my own. " In the years following, Namosh repeatedly sat at his laptop and drum machine, writing up to 20 versions of the various pieces. "I did that for myself. I didn’t tell anyone about it either. It was a kind of lab work. " Finally, two years ago, the project became more concrete. Namosh sorted out the material and went into the studio. He played a little more piano and recruited his sisters for the background vocals. Some fellow musicians joined in - Daniel Raymond Gahn on drums and Oliver Pfeiffer on guitar - and recorded tracks that Namosh once again re-edited, because a drum roll shifted here and a guitar chord there. 

    And then there’s one more thing that Namosh holds dear. Even the music of his own ancestors leaves traces on the record. They came from Eastern Anatolia, a region whose sounds are barely known in Germany, but that doesn’t matter much: "Music is one. They all use instruments and play melodies that are similar to one another", says Namosh. Listening to tracks like "Skip To My Foot" or "Get The Gift", you get an idea of what he means when he says that Kurdish rhythms are pretty wild and that the basslines can compete with those of the capital's clubs.

    They fit perfectly on this record, lending the storyline extra brilliance, and that's exactly what an album is about: telling a story. Creating tension, like in a good movie. "Music Muscle" is a stroke of luck of an album. And now it’s time to dance! 

    "Music Muscle" will be released on 30.03.2018 as Vinyl / CD / Digital via WELTGAST music / Indigo.